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„Für mich persönlich, bedeutet die Möglichkeit ins Internat zur Liturgie zu gehen, die Möglichkeit weiter zu leben“


Ein Gespräch mit der Nonne Anastassija (Laschuk) am Gedenktag des heiligen Nektarios von Pentapolis.

Mutter Anastassija besucht das Internat für behinderte Kinder mit den Besonderheiten der psychischen und physischen Entwicklung seit vielen Jahren. Vor kurzem wurde hier eine Kirche zu Ehren des heiligen Nektarios von Pentapolis eröffnet. Heute unterhalten wir uns mit ihr über diesen demütigen und bescheidenen Gerechten und darüber, ob man unter heutigen Bedingungen auch so heilig und rein leben kann.

Mutter, erzählen Sie, warum eine Kirche in dem Kinderinternat zu Ehren des heiligen Nektarios von Pentapolis eingeweiht wurde.

Nonne Martha (Matwejewa), die dort als die älteste Schwester ihren Gehorsamsdienst leistet, verehrt diesen Heiligen sehr stark. Sie kam auf die Idee, an ihn für die Kinder zu beten. Der Beichtvater Andrej Lemeschonok segnete und die Schwestern begannen, den Akathistos an den heiligen Nektarios zulesen. Natürlich träumten wir von einer Kirche. Aber bevor sie auf dem Gelände des Internats gebaut wurde, mussten viele Versuchungen überwunden werden.

An den heiligen Nektarios wenden sich in ihren Gebeten die Menschen, die an schweren und unheilbaren physischen Krankheiten leiden. Viele werden auf eine wunderbare Weise geheilt. Deshalb glauben wir, dass unsere Kinder unter einem besonderen Schutz der Fürbitten dieses Heiligen stehen.

Wie lange gehen Sie ins Internat? Können Sie sich an Ihre ersten Eindrücken erinnern?

Diesen Gehorsamsdienst leiste ich schon sieben Jahre. Die ersten Eindrücke waren Angst und Mitleid den Kindern gegenüber. Es ist schwer, die ersten Gefühle mit Wörtern zu beschreiben. Denn es ist eine große Erschütterung, die Schmerzen der anderen zu berühren, besonders, wenn du so viele liegende kleine Kinder mit vielen Krankheiten, mit unterentwickelten Armen und Beinen siehst. Das alles beeindruckt sehr tief. Mit der Zeit begann ich auch in ihre Augen zu sehen, ihre Seelen zu verstehen, die Gott lieben. Einige Kinder können nicht sprechen, aber sie verstehen alles und können lieben.

Was fällt Ihnen am schwersten in dieser Arbeit?

Sich selbst nicht zu schonen.

Werden die Schwestern ausgewählt, die das Internat besuchen?

Ich denke, eine Chance hat jede. Wichtig ist ihr Wunsch. Zuerst geht eine Schwester ins Internat nicht allein, sie wird von der ältesten Schwester begleitet. Die Regeln werden erläutert. Seit kurzem sollen wir von dem Internatsleiter eine Genehmigung erhalten. Aber Gott selbst sieht das menschliche Herz, Er sieht unsere Bestrebungen.

Die Kinder brauchen nicht viel, nur Aufmerksamkeit und Liebe …

Haben Sie freudige Erinnerungen, die mit dem Internat verbunden sind?

Jeder Besuch ist eine Freude. Das findet seinen Ausdruck nicht immer in der eigentlichen Stimmung. Durch Kontakte mit den Kindern werde ich selbst anders – gütiger, toleranter. Es freut mich, wenn die Kinder in die Kirche wollen, wenn sie in der Liturgie mitsingen, wenn ich ihre Augen beim Abendmahl sehe. Es freut mich, wenn ich weiß, dass die Kinder auf mich warten. Für mich persönlich, bedeutet die Möglichkeit, zu der Liturgie im Internat zu gehen, die Möglichkeit weiter zu leben.

Wie verhalten sich die Mitarbeiter des Internats zu ihrem Dienst dort?

Es gibt Schwestern, die lange das Internat betreuen, sie haben Kontakte zu dem Personal. Wie das Personal zu den Schwestern steht, hängt von der Arbeit, von den Gebeten der Schwestern ab. Oft helfen die Mitarbeiter mit, wenn wir die Kinder in die Kirche führen oder wenn die Kinder von dem Priester die Kommunion empfangen. Natürlich verursachen wir ihnen auch manchmal zusätzliche Sorgen. Gott sei Dank, viele verstehen, wie wichtig für die Kinder ihre Teilnahme an dem Kirchenleben ist.

Was änderte sich im Internat, nachdem hier eine Kirche und das kirchliche Leben entstanden waren?

Die Kinder selbst und das Personal ändern sich. Das sehen insbesondere diejenigen, die das Internat schon lange betreuen. Früher konnten einige Kinder nicht die Kommunion empfangen. Brot und Wasser nahmen sie, aber die Kommunion nicht. Dann begannen die Schwestern, ihnen langsam Weihwasser, ein Stückchen Abendmahlbrot zu geben, mit Öl zu salben … Schritt für Schritt beginnt das Kind den Mund zu öffnen und die Kommunion zu empfangen.

Spüren Sie den Beistand des himmlischen Patrons der Kirche – des heiligen Nektarios von Pentapolis?

Ja. Das Unmögliche wird möglich, wie, z.B., die Errichtung der Kirche!

Aus der Lebensbeschreibung des heiligen Nektarios wissen wir, dass er schon als Kind aufrichtig in der Simplizität des Herzens zu Gott beten konnte. Man sagt, dass die Internatskinder auch so beten – einfach und ohne Zweifel. Ist es so? Und kann man behaupten, dass die Kinder geistig leben, dass sie mit dem Schöpfer kommunizieren und sich bewusst an den heiligen Mysterien (Sakramenten) beteiligen?

Ja, gerade diese Kinder können uns den Glauben an Gott und das Beten beibringen. Wenn ich sie bei dem Gottesdienst oder nach der Kommunion betrachte, sehe ich eine direkte Verbindung ihrer Seele mit Gott. Ich brauche keine Wunder für die Stärkung meines Glaubens. Es genügt, auf die Kinder zu schauen. Die Kinder, die reden können, erzählen, dass sie Engel in der Kirche sehen, und bei dem Hinaustragen des Kelchs sagen sie: „Pst, Gott kommt!“

Mutter Anastassija, wollen wir vom heiligen Nektarios sprechen. Ist es möglich, heutzutage diesem Gerechten seine Demut nachzuahmen? Es ist bekannt, dass er eine theologische Schule in Athen leitete, und manchmal das Fasten über sich selbst für die Vergehen der Schüler auferlegte. Kennen Sie solche Beispiele unter unseren Zeitgenossen?

Der heilige Nektarios ist praktisch unser Zeitgenosse. Deshalb kann man auch heute so leben wie er lebte. Unter unseren Mitmenschen gibt es solche Menschen, die ähnliche Askese üben. Die Kirche ist lebendig, und Gott wirkt in den Menschen auch jetzt. Du selbst kannst nichts, aber Gott kann alles.


Es gab noch einen interessanten Vorfall im Leben des Heiligen. In der theologischen Schule erkrankte ein Mann, der für die Sauberkeit in der Schule verantwortlich war. Er dachte, dass man ihn deswegen entlassen würde. Aber als er wieder gesund war und in die Schule kam, entdeckte er, dass jemand seine Pflichten für ihn erfüllt hatte. Es stellte sich heraus, dass es der Schulleiter selbst war. Er machte in der Schule sauber, damit sein Mitarbeiter die Stelle nicht verlieren würde. Meinen Sie, dass es möglich ist, auch heute so einfach nach dem Evangelium zu leben?

Natürlich. Man kann damit beginnen, was einfach ist. Wenn man bittet, sage nicht ab. Man kann etwas statt seiner Schwester oder seines Bruders machen. Ich arbeitete mit Schwester Tatjana Massalowitsch zusammen. Sie starb vor drei Jahren. Wenn sie sah, dass einem etwas schwerfiel, oder dass man eine Arbeit nachlässig verrichtete, übernahm sie diese Arbeit, obwohl man eigentlich die Arbeit selbst, ohne Hilfe der Anderen, tun sollte. Aber sie wartete geduldig, bis man selbst zu dieser Erkenntnis kam.

Einmal wurde der heilige Nektarios verleumdet. Aber er verlor den Mut nicht in dieser schwierigen Situation. Er trug demütig sein Kreuz. Was meinen Sie, ist ein solches Verhalten heute möglich?

Darin besteht der Sieg Gottes im Herzen eines Menschen. Aber wir müssen für diesen Sieg kämpfen. Ich denke, jetzt übersteigt das meine Kräfte, obwohl Schwester Tatjana die Schmerzen der Verleumdung und des Unverständnisses erlebte. Mir scheint, dass es möglich war, weil sie vor dem Angesicht Gottes leben konnte.

In einem Kloster diente der Heilige als ordinärer Priester. Sein bischöfliches Gewand hing neben der Gottesmutterikone. Der heilige Nektarios lebte sehr bescheiden, und er starb auch im Krankenhaus für die Armen. Er war wirklich ein Mönch, der auf die irdischen Güter verzichtete. Fällt es den Mönchen und Nonnen schwer, auf die Güter und den Komfort dieser Welt zu verzichten? Ist es möglich, einen solchen seligen Zustand zu erreichen, in welchem der heilige Nektarios von Pentapolis verweilte?

Der Verzicht fällt schwer. Man braucht seelischen Trost. Ich meine, jeder Schritt zu Gott ist schwer. Wir hängen von den äußeren Dingen ab. Aber wir müssen Gott suchen, innerlich arbeiten, dann kann das Äußere nicht so wichtig werden. Ich will lernen Gott dafür zu danken, was ich besitze … Aber Menschen sind verschieden. Wenn ich an Schwester Tatjana zurückdenke, will ich sagen, dass sie keine zu hohen Forderungen an Lebensbedingungen hatte. Obwohl Gott ihr alles gab – sowohl zu Hause, als auch in dem Klosterdienst. Sie teilte immer mit den Anderen, was sie hatte. Manche geben alles, um eine schicke Wohnung auf der Erde zu bauen, Tatjana sagte, dass man erstrangig ein Haus in dem Himmel bauen soll. Hier auf der Erde sind wir Gäste …

Von Natalija Klimowa

22.11.2014

Dieser Artikel wurde von der alten deutschsprachigen Website des Klosters genommen.

Quelle: http://old.obitel-minsk.by/_oid100106368.html

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