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Das Kreuz und der Halbmond


Das Kreuz bestand aus zwei Balken, die seine Haupteile bildeten: ein vertikaler (längerer) und ein horizontaler, der zum Ersten im rechten Winkel stand. Der Erlöser der Welt wurde an diese Balken geschlagen. Im oberen Teil des Golgota-Kreuzes war ein kleines Schild – der Titulus – über welches im Evangelium gesagt wird: „Pilatus ließ auch eine Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.“ (Joh 19, 19) Der dritte Querbalken war ein Fußbalken. Ohne den, der ans Holz geschlagene Körper, der nur an den Nägeln hing, sich losreißen konnte.

Doch die Kreuze auf den Kuppeln, unterscheiden sich oft durch ihre äußere Form vom gewöhnlichen achtspitzigen Kreuz. Das Kreuz auf der Kuppel veranschaulicht die Idee der Kirche als Gottes Haus und Schiff der Erlösung und hat die entsprechende Symbolik. Besonders oft kommen Fragen und Missverständnisse aufgrund des Mondschiffchens (der Tsata) auf, das im unteren Teil des Kreuzes angebracht ist. Welche Bedeutung trägt dieses Symbol?

Zuerst müssen wir verstehen, dass der Halbmond auf dem orthodoxen Kreuz nichts mit dem muslimischen Glauben oder mit einem Sieg über die Muslime zu tun hat. Die Kreuze mit dem Halbmond haben schon antike Gotteshäuser geschmückt: die Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche an der Nerl (1165), die Demetrius-Kathedrale in Wladimir (1197) und andere.


Der Halbmond diente seit antiker Zeit als Staatssymbol des Byzantinischen Reichs und nur nach dem Konstantinopel im Jahre 1453 durch die Türken erobert wurde, entwickelte sich dieses christliche Symbol zum offiziellen Emblem des Osmanischen Reiches. Im orthodoxen Byzanz war der Halbmond ein Zeichen der kaiserlichen Macht.

Oft wird der Mondsichel als Teil des Bischofsgewandes des hl. Nikolaus von Myra abgebildet. Der Halbmond kann auch auf anderen Ikonen gefunden werden: der Heiligen Dreifaltigkeit, des Erlösers, der hl. Gottesmutter. All das lässt uns zum Entschluss kommen, dass der Halbmond auf dem Kreuz ein Symbol des Herren Jesus Christus ist, als des Königs und Hohepriesters. So erinnert uns die Installation eines Halbmondes an der Kuppel des Gotteshauses daran, dass es dem König der Könige und dem Herrn der Herren gehört.

Dabei hat uns aus der frühen Antike – von Christus und den ersten Jahrzehenten des Christentums - auch eine andere Bedeutung des Kreuzes mit Halbmond erreicht. In einem seiner Briefe lehrt uns Apostel Paulus über die Christen, „… die wir unsere Zuflucht dazu genommen haben, die dargebotene Hoffnung [– das Kreuz –] zu ergreifen. In ihr haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele …“ (Hebr 6,18-19) Durch das Kreuz wurden der Teufel und der ewige Tod besiegt. Das Festhalten an diesem „Anker“ ermöglicht es uns, das stürmische Lebensmeer zu überwinden und den ruhigen Hafen des himmlischen Königreiches zu erreichen.

Auf den Kuppeln der Sophienkathedrale von Wologda (1570), der Dreifaltigkeitskathedrale von Werchoturje (1703), der Kirche des hl. Kosmas von Werchoturje in der Stadt Kostyljevo, sind Kreuze mit einem eigenartigen Muster aufgestellt: von ihren Zentren gehen Strahlen mit zwölf Sternen aus und unter ihnen ist ein Halbmond. Die Symbolik solch eines Kreuzes gibt ein Bild aus der Offenbarung des Johannes wieder: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1) Manche Forscher sehen darin einen symbolischen Ausdruck des apokalyptischen Bildes, welches sich auf die Gottesmutter bezieht, während Christus oft als die Sonne der Wahrheit bezeichnet wird. Zwölf Sterne können die zwölf Apostel veranschaulichen.

In den Schriften der Kirchenväter findet man zu den oben erwähnten Bedeutungen des Halbkreuzes auch andere. Zum Beispiel als Symbol der Wiege von Bethlehem, welche das Jesuskind aufnahm; des eucharistischen Kelches; des kirchlichen Schiffes, am dessen Board, der Mensch den ersehnten Haffen der Rettung erreichen kann. Weiter ist es ein Zeichen der Taufkapelle.

Manchmal ist das Kreuz (mit oder ohne Halbmond) auf dem Gotteshaus nicht acht-, sondern vierspitzig. Viele der Kreuze auf den bekanntesten orthodoxen Kirchen haben diese Form, z. B. die Hagia Sophia (7 Jhr.), die Sophienkathedrale in Kiew (1152), Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir (1158), Erlöser-Kirche in Perejaslawl (1152) und andere Gotteshäuser. Seitdem im 3 Jh. diese Form des Kreuzes zum ersten Mal in den römischen Katakomben aufgetaucht ist, und bis zum heutigen Tag, wird sie vom gesamten orthodoxen Osten als genauso ehrenhaft wie die anderen betrachtet.

Übersetzt aus:
https://docs.wixstatic.com/ugd/b48266_9fe1af5a08874918bb79992858a428bd.pdf

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