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„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt“ (Joh 3,16)


„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16)

Das Christentum ist die einzige Religionsgemeinschaft, bei der sich ihr Schöpfergott für sein sündiges Geschöpf aufopfert, um es zu erlösen. Gott, der Vater, hat Seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, für unsere Sünden, für die Sünden der ganzen Menschheit als Opfer dahingegeben. Liebt uns Gott nun mehr als ER Seinen eigenen Sohn liebt? Diese unendlich große Liebe Gottes hat kein mehr oder weniger, sondern nur ein ganz oder gar nicht. Kann eine Ehefrau und Mutter zwischen der Liebe zu ihrem Mann und zu ihren Kindern unterscheiden. Sie liebt alle gleich. Wenn wir Menschen in unserer sündhaften Begrenztheit schon fähig sind, unsere Liebe auf verschiedene Personen zu beziehen und diese in gleichem Maße zu lieben, so geht Gott in Seiner Unbeschränktheit weit darüber hinaus.

Die von Jesus, als dem vielgeliebtem Sohn, im unbedingten Gehorsam gegenüber dem Vater und aus freien Willen vollzogene Selbstaufopferung schenkt allen Menschen, der gesamten Schöpfung, die Erlösung, die Versöhnung mit Gott. Dieser gewalttätige Liebesakt scheint in so krassem Widerspruch zum von Sich, also Gott selbst geoffenbarten Wesen zu stehen: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ (Ps 103,8).

Wie können wir nun das Opfer unseres Herrn Jesus Christus in Verbindung mit der Barmherzigkeit Gottes bringen?


Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an. Gott öffnet Sein Herz, sieht unsere sündige Existenz, das Elend der Menschheit, die gefangen ist im Dunkel der Unwissenheit, und ER wird tätig, ER schenkt sich uns in Seinem Sohn. Der Sohn wiederum schenkt sich Seinem Vater und erlöst so die Schöpfung vom Tode hin zum ewigen Leben. Der Sohn breitet in grenzenlosem Erbarmen die Arme am Kreuz aus und umfängt alles und jeden, ER führt sie hinab in die Unterwelt und reißt sie alle am Tage Seiner Auferstehung und Himmelfahrt mit sich zum Göttlichen Vater.

Einzig die Macht der Liebe kann diese totale Hingabe und Selbstentäußerung unseres Herrn Jesus Christus, seine bedingungslose Unterordnung unter den Willen des Himmlischen Vaters erklären. Wie der Apostel Paulus im Brief an die Epheser schreibt: „Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet.“ (Eph 2,4f).

Im Neuen Testament stehen Barmherzigkeit und Liebe fast synonym nebeneinander. Das eine kann nicht ohne das andere sein, sie bedingen einander. Ohne Liebe gibt es kein barmherziges Werk und ohne Barmherzigkeit bleibt Liebe eine hohle Phrase, eine sentimentale Regung des Herzens. Im Hohelied der Liebe des Apostels Paulus finden wir diese Geisteshaltung dargelegt: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.” (1 Kor 13, 1 ff.)

Der Tod unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz stellt uns die real gewordene Barmherzigkeit des Vaters vor Augen. Gott, der Vater, sandte Seinen Sohn, um die Welt zu erlösen, wie der Apostel Johannes schreibt: „Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ (1 Joh 4,10) Die fleischgewordene Liebe Gottes, Sein Sohn Jesus Christus ist das Opferlamm, die Gabe, selbst Ausdruck göttlichen Erbarmens. Die Liebe des Vaters hat Gestalt angenommen, hat sich vergegenständlicht. Die Barmherzigkeit Gottes ist Mensch geworden. So finden wir im Lukasevangelium die Aufforderung unseres Herrn Jesus Christus an uns: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36) Dies kann und muss als unmittelbare Aufforderung zur tätigen, sich selbst aufopfernden Liebe an alle Menschen, die sich zu Christus bekennen, verstanden werden.

Im Evangelium nach dem heiligen Evangelisten Johannes finden wir folgende Zeilen: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“(Joh 15,12f.)


Unser Herr Jesus Christus selbst stellt die Liebe an die erste Stelle. Gefragt nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus gemäß dem Matthäusevangelium: „Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22, 37ff.).

Die barmherzige Hinwendung zu unseren Mitmenschen in tätiger Nächstenliebe ist Ausdruck unserer Gottesliebe. Die Liebe zu Gott wiederum ist ihr Fundament.

Der Evangelist Johannes schreibt in seiner Epistel: „Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet.“(1 Joh 4,11f.)

Von Gott in unserem Herrn Jesus Christus erlöst, aus der Knechtschaft der Sünde befreit und zu Kindern Gottes gemacht, wurden wir zu Erben Gottes. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.“ (Gal 4,4-7). Und so lieben und dienen wir Gott, nicht aus Angst, nicht in Furcht, sondern aus Liebe und in Demut. Diese Liebe äußert sich, vergegenständlicht sich, wird zur Tat am Menschen durch die Werke der Barmherzigkeit (vgl. Mt 25,31-46). Die erhabene Bedeutung, die die Nächstenliebe in den Augen Jesu Christi besitzt, wird durch Ihn in diesem Szenario aufgezeigt. Es geht um alles! Jesus zeichnet selbst das Bild vom Letzten Gericht. Hier wird die Entscheidung gefällt, ob wir bereit sind zum ewigen Leben oder nicht. Auf dem Prüfstand stehen konkrete Taten, was haben wir unseren Nächsten Gutes getan oder eben nicht.

Wir spüren, dass Gottes Liebe etwas Forderndes, Radikales besitzt, dem wir im ersten Moment nicht gewachsen sind bzw. nicht gewachsen zu sein glauben. Aber Gott hilft uns auch hierbei in der Liebe zu wachsen. ER stellt uns verschiedene Möglichkeiten vor und skizziert so einen Weg, lang und beschwerlich, hin zu immer größerer Gottesnähe. Johannes der Täufer selbst sprach darüber: „Er muss wachsen, ich aber geringer werden.“ ( Joh 3, 30).


Den königlichen Weg zu wachsender Gottesliebe verkündet Jesus ganz am Anfang seiner Predigttätigkeit in den Seligpreisungen (vgl. Mt 5,3-12). Hier zeichnet ER ein klares Bild von jenen, die das Reich erben sollen. Wie sollen sie sein? Arm im Geiste, leidtragend, sanftmütig, barmherzig, reinen Herzens, friedfertig – so sind jene, die in das Himmelreich eingehen werden. So sehen die Gerechten Gottes aus! Und wir müssen daran arbeiten, damit wir diesem Bild entsprechen und in der Liebe wachsen. Ohne Gottes Gnade und Liebe werden wir nichts erreichen und nichts verändern, uns nicht verändern vor allem. Was wir aber können, ist uns dem Wirken Gottes zu öffnen und uns vorzubereiten durch Beten, Fasten und Wachen, das Geschenk Seiner Gnade zu empfangen, das uns verwandelt, uns Gott ähnlich macht. Im Geiste der Gotteskindschaft, von Liebe erfüllt, erklimmen wir die Gipfel der Askese, üben uns in Selbstverachtung und Selbstaufgabe, trotzen allen Anfeindungen des Feindes. Denn die Liebe: „Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1 Kor 13,7)

In und durch die Liebe Gottes werden wir in Sein Bild verwandelt, Ihm ähnlich.

„Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,12 f.)

Nonne Elisabeth (Würtenberger)
Kloster der Hl. Elisabeth

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